Über den Beginn des menschlichen Lebens

Jérôme Lejeune

Sonderdruck "Deutsches Ärzteblatt - Ärztliche mitteilungen" 71. Jahrgang / Heft 4, S. 209-212 / 24. Januar 1974 / Postverlagsort Köln Nachdruck - auch auszugsweise -, photomechanische Wiedergabe und Übersetzung nur mit Genehmigung der Deutscher Ärzte-Verlag GmbH, 5023 Lövenich, Kreis Köln Postfach 14 40


Sommaire

Die Annahme, Menschen würden chancengleich geboren, stimmt nicht. Ein Kind, das sich aus einem befruchteten Ei mit 47 statt 46 Chromosomen entwickelt, wird nicht normal sein. Gehört das überzählige Chromosom dem Chromosomenpaar 21 an, so wird das Kind sein Leben lang mit einer Trisomie 21 behaftet sein.

Eine Voraussage kann sehr frühzeitig erfolgen. Eine einfache Punktion des Amnionsackes zu Beginn des vierten Schwangerschaftsmonats erlaubt die Entnahme von so viel Flüssigkeit, daß man eine Kultur anlegen und die Zellen dann analysieren kann. Mit diesem stand der Erkenntnisse möchten manche die Entscheidung begründen, daß solche Schwangerschaften abgebrochen werden könnten.

Die Tatsachen sind uns zu nahe, die sich ergebenden Möglichkeiten zu unmittelbar, als daß Genetiker nicht verpflichtet wären, ruhig und wissenschaftlich ins Auge zu fassen, was man heute über den genauen Augenblick, wann ein neues menschliches Wesen Existenz gewinnt, weiß und auf welche Kriterien man sich dabei stützt.

Der Genetiker von heute ist wie ein Bruder des Diogenes von damals, als er die Tonne verließ. Der einzige Unterschied mag sein, daß unsere Laterne in der Gestalt des Mikroskops eine beachtlich modernere Ausführung ist. Und so können wir unsere Suche im Licht der Chromosomenanalyse beginnen.

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Die menschlichen Chromosomen

Unsere erste Feststellung ist außerordentlich einfach: Alle gegenwärtig lebenden Menschen haben die gleichen Chromosomen. Genauer: Nach Abzug des geschlechtlichen Dimorphismus, der Chromosomen-paare XX bei der Frau und XY beim Mann, ist in einem jeden von uns jedes Chromosomenparr morphologisch identisch.

Die Tatsache, daß in jeder menschlichen Generation nein; Chromo somenanomalien mit den entsprechenden Krankheiten auftreten, zeigt, mit welchem Preis die Konstante der Chromosomen unserer Art bezahlt wird.

Gäbe es andere Lösungen, ebenso gute, vielleicht gar bessere als die gegenwärtige genetische Konstitution, hätten sich die menschlichen Rassen in unterschiedliche Unterarten trennen müssen, wie man es in zahlreichen Beispielen bei anderen Säugern beobachten kann. Umgekehrt ist die Möglichkeit der Konvergenz*) verschiedener Chromosomen äußerst unwahrscheinlich.

Wie man das Problem auch wenden mag, es scheint, daß die progressive Evolution durch Darwinsche Variation mit den Tatsachen schwer vereinbar ist. Sie zwingen vielmehr anzunehmen, daß der Karyotyp des Menschen, so wie wir ihn heute kennen, ursprünglich in einer sehr begrenzten Gruppe, ja einem einzigen Paar in Erscheinung getreten ist und sich deshalb von da an behauptet hat, weil er die beste Lösung darstellte.

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Die benachteiligten Kinder

Angesichts der Irrtümer der Natur, an denen manche Kinder leiden, haben manche die Frage gestellt, der wir zu Beginn begegneten: Sollte man nicht diese neuen Wesen ohne Zukunft ausschalten?

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Die Maßstäbe der Auswahl

Rein von der Technik her ist die Unterscheidung von Wertvollem und Wertlosem eine unlösbare Aufgabe. Selbst wenn man alle moralischen Bedenken beiseite läßt und den Fötus, um dessen Leben es geht, nicht als einen Menschen, sondern als ein Ding betrachtet.

Zunächst haben unsere Voraussagen inhaltlich nicht die Treffsicherheit, die man annehmen möchte. Natürlich wissen wir, daß der Fötus mit der Trisomie 21 ein anomales Kind sein wird. Aber wird sein Intelligenzgrad zwanzig, vierzig oder vielleicht achtzig Prozent des normalen sein? Niemand weiß das vorher.

Sicherlich sind die Frauen, die nur ein X-Chromosom haben (TurnerSyndrom), klein und entwickeln keine sekundären Geschlechtsmerkmale, und dennoch können sie in der Gesellschaft eine äußerst nützliche Rolle spielen - so zum Beispiel die einer tüchtigen technischen Laborantin.

Wer an der Klinefelter-Krankheit mit dem Kerngeschlecht XXY leidet, kann das Leben nicht weitergeben, aber der eine oder andere kann Leben retten - so ein berühmter Chirurg in Paris, der diese Krankheit hat.

Berücksichtigt man die heutigen Palliativen Behandlungsmöglichkeiten dieser beiden Krankheiten, so bedeuten sie für ihre Träger fast nur eine dauernde und nicht zu behebende Unfruchtbarkeit.

Dem, der sich damit beschäftigt, drängt sich auf, daß die Kranken, die auszudrücken vermögen, was sie empfinden, zwar die Krankheit beklagen, unter der sie leiden, niemals aber bedauern, sie selbst zu sein und zu leben.

So können wir zurückkehren zu unserer Ausgangsfrage: Wann beginnt ein Mensch?

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Das Individuum

Definieren wir ein Individuum nach seinen beiden Wesensmerkmalen, nämlich eines zu sein und einzig zu sein, können wir mit Hilfe der Pathologie das Stadium ermitteln, in dem diese beiden Qualitäten endgültig erworben sind, das heißt von dem an sie durch kein Ereignis mehr durchbrochen werden können.

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Die Chimären

Es ist bekannt, daß bestimmte Kranke, die Hermaphroditen, Chimären sind, die gleichzeitig männliche und weibliche Geschlechtsdrüsen, Hoden und Ovarien, besitzen. In der äußeren Erscheinung spiegelt sich das Zwitterhafte. In diesen Fällen findet man in allen Geweben des Organismus männliche XY-Zellen neben weiblichen XX-Zellen.

Diese beiden Zeltstämme weichen in vielen Erbmerkmalen voneinander ab. Gelegentlich kann man nachweisen, daß alle XY-Zellen einer bestimmten Blutgruppe angehören, während alle XX-Zellen zwar untereinander gleich, aber einer anderen Blutgruppe zugehörig sind.

Es ist, als ob das Wesen das Ergebnis einer vollständigen Verschmelzung von Zwillingen wäre, eines Jungen und eines Mädchens, in einem einzigen Individuum.

Wenn der Mechanismus dieser Verschmelzung wirklich so abläuft, wie man heute annimmt, erfolgt die Fusion um die Zeit der Befruchtung, indem die Eizelle selbst und eines der Polkörperchen gleichzeitig befruchtet werden, je von einem Spermatozoon.

Jedenfalls können solche Zwitter, in denen zwei Naturen zu einer Person verschmelzen, nur innerhalb von Stunden, bestenfalls von Tagen, nach der Befruchtung entstehen. Dieses Phänomen wirft merkwürdige Fragen auf.

Es ist gelungen, voll lebensfähige, wenn auch merkwürdig aussehende Mäuse zu züchten, die gleichzeitig mehrere Väter und Mütter haben, da man die Stammzellen verschiedener Embryonen zur Verschmelzung miteinander brachte. Die schönste Maus, die ich kenne hatte vier Väter und vier Mütter.

Solange in unserer Art die guten alten Sitten fortdauern, braucht man solche Monstrositäten nicht zu befürchten. Dennoch ist es sehr wohl möglich, daß manche normale Individuen das Resultat der Verschmelzung von zwei befruchteten Eizellen sind, die beide XX- oder beide XY-Zellen waren.

Diese Annahme ist formell nach nicht bewiesen. Es bleibt aber durchaus wahrscheinlich, daß der eine oder andere von uns die reine Abstammung, die er sich vorstellte, nicht besitzt, vielmehr ein harmonierender Zwitter aus der wahlgelungenen Verschmelzung von zwei Zehrassen ist.

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Zwillinge

Ohne in eine statistische Beweisführung einzutreten, ist grundlegend zu sagen, daß die Zahl der möglichen genetischen Kombinationen weit über die Zahl der Menschen hinausgeht, die heute leben und jemals gelebt haben. Jeder Mensch besitzt eine einmalige Genkombination, die es nach nie gab und die es nie mehr geben wird. Dennoch zeigt die Existenz eineiiger Zwillinge, daß die einzigartige Natur zwei und gelegentlich sogar mehr Personen gemeinsam sein kann.

Tritt bei der Trennung gleichzeitig eine Chromosomenveränderung auf, kann es geschehen, daß einer der Zwillinge sich aus den normalen Zellen und der andere sich aus den veränderten Zellen entwickelt. Solche Zwillinge sind wohlbemerkt außerordentlich selten. Trifft die Veränderung zufällig das Chromosom 21, so wird wohl der eine Zwilling normal sein und der andere ein überzähliges Chromosom 21 haben. Der Kranke ist dann ein exaktes Abbild seines Bruders, nur selbst von der bekannten Krankheit gezeichnet.

Ist das Y-Chromosom von der Abweichung betroffen, so wird der Unterschied zwischen den Zwillingen, auch wenn sie sonst identisch sind, außerordentlich groß.

Ausgehend von einer XY-Zelle müßte es eigentlich zu einer Geburt eines Jungen kommen. Nun kann es geschehen, daß bei der Trennung einer der Zwillinge das Y-Chromosom nicht enthält, weil es bei einer anomalen Zellteilung verlarenging. Dann kommt es zur Geburt eines völlig normalen Jungen und eines Mädchens, das sich als Trägerin eines einzigen X-Chromosoms nicht zur normalen Frau entwickeln wird.

Bei einem solchen Paar litt das junge XO-Mädchen unter einer höchst merkwürdigen psychischen Störung. Wenn es in den Spiegel schaute, meinte es, seinen Bruder zu sehen. Dabei handelt es sich keineswegs um eine Wahnidee. Dieses Erleben verrät eine außergewöhnliche Intuition für den äußerst komplexen genetischen Sachverhalt. In der Tat ist für den Gentiker dieses junge Mädchen genaugenommen ein Fragment seines Bruders, in dem es sich voll ausgebildet findet.

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Die Information der Materie

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a) Der molekulare Gesichtspunkt

Mit der komplexen Maschinerie der kodierten Moleküle wie DNS-RNS-Eiweiße) sind wir sicher, daß das Band, das die Eltern mit ihren Kindern verbindet, die materielle Natur ist.

Und trotzdem wissen wir, und zwar mit derselben Sicherheit, daß kein Molekül, nicht ein einziges Atom das sich in der befruchteten Eizelle findet, eine nach so geringe Chance hat, auf die Folgegeneration übertragen zu werden. Das ist Sache einer einfachen arithmetischen Beweisführung. Es ist ganz offensichtlich, daß das, was übertragen wird, eine "Form", ein "Akzidenz" der Materie ist, jedenfalls nicht die Materie als solche.

Dieser offenbare Widerspruch ist Grundlage eines jeden Reproduktionsvorgangs. Eine Statue kann nicht aus dem Nichts geschaffen werden, sondern es bedarf eines materiellen Substrats: Marmor, Bronze oder Ton. Betrachten wir eine Abgußreproduktion, so ist der Zusammenhang zwischen Original und Wiedergabe eindeutig die materielle Deckungsgleichheit. Und dennoch ist es weder der Marmor, noch die Bronze, was vier wiedergegeben wurde: Vielmehr ist es die Form, oder genauer: die Information, die der Genius des Bildhauers der Materie aufgeprägt hat.

Dieser Begriff der Übertragung der Information ist in vollem Umfang auf die Biologie anwendbar: Denn wir wissen, daß die befeuchtete Eizelle aus sich selbst eire vollständiges Individuum entwickelt. Dies geschieht nach einem zwar höchst komplizierten und empfindlichen, aber vollständig determinierten Mechanismus. Daß diese Entwicklung im Mutterleib stattfindet, spielt für diese Feststellung keine Rolle, wie sich beim Hühnerei leicht zeigen läßt.

Alles in allem wird der Theoretiker um so früher die Vollständigkeit der genetischen Konstitution ansetzen müssen, je materialistischer und deterministischer seine Auffassung vom Leben ist.

Denn betrachtet man den Menschen als einfach wachsende Materie, deren Natur vollständig determiniert ist durch die Information, die die Teile enthalten, dann beginnt ein Mensch in dem Augenblick, in dem die ganze erforderliche und ausreichende Information beisammen ist, und das heißt: bei der Befruchtung.

Man könnte anführen, daß die Information der ersten Zelle zwar die Essenz des Menschen, nicht aber seine Existenz bestimmt. Dies aber kann nur für eine sehr kurze Zeit gelten, wenn man zugibt, daß die Existenz nichts anderes ist als die Essenz in Aktinn. Tatsächlich ist aber jede Weitergabe von Information bereits die Aktion seiner Essenz, und hiernach beginnt dann der Mensch mit der ersten Synthese kodierter Moleküle.

Die entscheidende Feststellung ist die, daß, weil es keine neue Information gibt, die die Eizelle nach der Befruchtung aufnimmt, alle Information notwendigerweise von Anfang an bereits vollständig enthalten ist.

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b) der pragmatische Gesichtspunkt

Mancher mag denken: Nun laßt uns einmal praktisch sein und die Tatsachen sehen, wie sie sind.

Bevor der Embryo eine erkennbare Gestalt annimmt, gibt es doch lediglich einen Zelthaufen, der sich zwar schnell teilt, aber in nichts einem Menschen ähnlich sieht. Das ist nicht mehr als ein Stück Fleisch. Sehr wertvolles Fleisch, weil sich daraus ein Mensch entwickeln könnte, was aus einer Gewebekultur aller aus einem Körperteil nicht möglich wäre. Aber es ist kein Mensch, es sind eben Zeltverbände.

Um den Augenblick zu bestimmen, von dem an man dann gezwungen wäre, das "Ding" doch für einen Menschen zu halten, kann man verschiedene Kriterien ins Feld führen.

Die einen werden verlangen, daß einige Hauptorgane bereits differenziert sein müßten, zum Beispiel das Herz - das wäre nach 21 Tagen; daß zum Beispiel der Fötus lächeln könnte - das wäre nach drei Monaten; oder daß der Fötus allein leben könnte - das wäre nach sechseinhalb Monaten; vielleicht, daß der Fötus die Mutter normal verläßt - das wäre nach neun Monaten. Meist setzt die Geburt der Diskussion schließlich ein Ende. Man maß jedoch zugeben, daß dieser einzige alle überzeugende Beweis reichlich spät erbracht wird, denn inzwischen ist das "Ding" so groß geworden, daß es selbst imstande ist, seinen Anspruch auf Menschsein anzumelden.

Das ist nicht ironisch gemeint. Die Schwierigkeiten, für das Menschwerden einen pragmatischen Zeitpunkt festsetzen zu wollen, darf man nicht belächeln. Untersucht man das geistige Anliegen, das hier zum Ausdruck kommt, so zeigt sich, daß man nach allem und trotz allem nicht umhinkommt, eine Antwort auf die Frage zu finden: Von welchem Augenblick an darf man sicher sein, daß diese Zeltmasse beseelt ist von einer menschlichen Natur?

Wir alle wissen, daß seinerzeit die Theologen bereits sehr viel Tinte über die Beseelungstheorien verschrieben haben.

Immerhin ist es sehr erstaunlich, daß wir im Verlauf dieser Überlegungen dort angelangt sind, wo der Materialist eine Theorie der Information vorlegt, die einem physischen Abbild der "Fleischwerdung des Wortes" recht nahe rückt, und wo der Pragmatiker sich auf die Suche nach den ersten Anzeichen der Beseelung begibt.

In der Meinung, alles einfacher zu machen, sind wir ausgegangen von der Frage: Wann beginnt ein Mensch?, und das schien uns eine sehr klare Frage. Wären wir aber nicht besser beraten gewesen, an den Anfang die dringende Forderung nach einer Definition zu stellen: Was ist ein Mensch?

So gelangen wir an den Ausgangspunkt zurück, von dem wir vor 2000 Jahren gestartet sind. Unsere Diogenes-Generation darf getrost ihre mikroskopische Laterne löschen und in die Tonne zurückkehren. Auch sie hat nicht entdeckt, wo und wann man den Menschen findet.

Und dennoch werden täglich anomale Kinder geboren, und ratlose Eltern bedürfen der Hilfe. Stimmen werden laut, die verlangen, daß die Genetiker die Mittel zur Verfügung stellen, damit man diese Anomalen im Bauch ihrer Mutter erfassen kann, und sie versuchen uns zu überreden, der technische Fortschritt erfordere dieses neue Massaker unschuldiger Kinder.

Angesichts dieses Chromosomenrassismus darf der Genetiker sich nicht in die Alternative der Wahl zwischen der Rolle des Hemdes und des Pilatus drängen lassen. Vielmehr stehen ihm zwei Auffassungen von der Wissenschaft zur Wahl.

Nach der einen ist die Forschung abgeschlossen. Diese Krankheiten werden als unabwendbar und unheilbar abgetan. Es bleibt nichts, als sich mit den Schlägen des Schicksals abzufinden.

Nach der anderen haben die Entdeckungen eben erst begonnen. Das unglückliche Schicksal maß gewendet werden. Und die Ärzte stehen auf der Seite der Betroffenen.

Zwischen diesen beiden Alternativen hat die Medizin sich seit sehr langer Zeit entschieden. Seit jeher kämpft sie gegen die Krankheit und gegen den Tod, für die Gesundheit und für das Leben. Denn selbst, wenn die Natur verurteilt, besteht die Aufgabe des Arztes nicht darin, zu vollstrecken, sondern darin, nach Kräften den Vollzug zu mildern.


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Note

*) Konvergenz: begriff aus der Evolutionslehre, nach dem weit entfernte Arten bei gleicher Umwelt ähnliche charakteristische Merkmale entwickeln, wie beispielsweise Flossen bei Fischen, Schnecken und Meeressäugern.