D/E-Translokation bei Meningoenzephalocele, Mikrozephalie und Pseudoanenzephalie

A. Kabarity, J. Lejeune, E. Püschel, H. und H. Schade.

Dtsch. med. Wschr. 97 (1972), 2009-2011 © Georg Thieme Verlag, Stuttgart


Sommaire

Bei einer systematischen Suche nach Anenzephalien für Chromosomenuntersuchungen wurde das am 23.1.1970 in der Westfälischen Landesfrauenklinik geborene Kind S. W. erfaßt und gemeldet. Es wies bei der Geburt ein Gewicht von 2550 g und eine Länge von 48 cm auf, mit 8 Monaten wog das Kind 6400 g und war 57,5 cm lang. Der Allgemein- und Ernährungszustand waren als befriedigend anzusehen.

Befunde: Direkt oberhalb des Gesichtsschädels weicht die Stirn stark zurück, die Meningoenzephalocele wies bei der Geburt eine Breite von 8 cm und eine Länge von 10 cm auf. Bei einem Alter von 6 Monaten hatte die Enzephalocele einen Umfang von 32 cm, eine Länge von 10 cm, die Verbindung mit dem Kopf einen Umfang von 20 cm (Abbildung 1). Der dem Kopf zugewandte Teil ist behaart, aus den abgelegenen Teilen entleert sich an livide verfärbten Stellen gelegentlich helle Flüssigkeit; der Celeninhalt fluktuiert. Für ein Pneumenzephalogramm wurde die Enzephalocele am 19. 8. 70 punktiert und im Austausch gegen 15 ml Luft eine anfangs recht zähseröse Flüssigkeit abgesaugt. Es konnten einzelne lufthaltige Inseln und ein dazwischenliegender dichter Weichteilschatten, der Hirngewebe in der Meningocele vermuten ließ, dargestellt werden.

An beiden Ohren findet sich zwischen Tragus und Helix ein kleiner Fistelgang (Fistula auris congenita). Im Lumbalbereich ist ein auffälliger sogenannter Mongolenfleck von dunkelblauer Farbe mit einem Durchmesser von 1,5 cm zu erkennen; im Bereich dieses Flecks ist die Behaarung deutlich verstärkt. Die inneren Organe, insbesondere Herz und Lunge, weisen keine Besonderheiten auf. Mißbildungen anderer Art, Vierfingerfurche oder andere Stigmata fehlen. Die Befunde der Papillarleisten wurden bereits veröffentlicht (5), auch sie ergaben keinen auf eine Chromosomenanomalie hindeutenden Befund.

Untersuchungsbericht vom 18.8. 1970: Das Kind liegt meist mit gestreckten Armen und Beinen da und winkelt sie nur selten an. Die Arme sind nach innen rotiert, die Fäustchen geballt, die Daumen befinden sich außen. Arme und Beine werden fast immer symmetrisch bewegt. Im Hüftgelenk besteht eine Abduktionshemmung. Die Muskulatur ist hyperton, es besteht deutliche Spastik. Spontanes Zugreifen der Hände kann nicht festgestellt werden. Das Kind ist auffallend empfindlich bei Geräuschen und Berührung. Die Augen bleiben geschlossen, der Kopf wird in Opisthotonusstellung gehalten.

Reflexe:

1. Patellarsehnenreflex beiderseits gut auslösbar, seitengleich.

2. Bauchdeckenreflexe positiv.

3. Galant-Reflex nicht auslösbar.

4. asymmetrisch-tonischer Nackenreflex beiderseits negativ.

5. Saug- und Schluckreflex positiv.

6. Greifreflex palmar beiderseits negativ. Hand schließt sich nicht. Es wird auch nicht zugegriffen.

7. Greifreflex plantar undeutlich, jedoch wohl als negativ zu werten, da kurze Zehen bei dicker Fußsohle.

8. Magnet-Reflex negativ.

9. Bauer-Reaktion negativ.

10. Fluchtreflex auf den Fußsohlen positiv. Die Arme dagegen wurden bei Schmerzreiz nicht weggezogen.

Der Suchreflex ist wohl als positiv zu werten, denn der Mund wird geöffnet, das Kind macht schmatzende Bewegungen, und auch der Kopf wird etwas bewegt. Der Glabellareflex läßt sich wegen der fast dauernd geschlossenen Augen nicht durchführen. Alle übrigen Reflexe ließen sich wegen der Meningoenzephalocele nicht prüfen, dazu gehren besonders alle Reflexe in Bauchlage, der Moro-Reflex und die Landau-Reaktion. Ferner lassen sich alle Untersuchungen bezüglich der groben Motorik, der Feinmotorik und Adaption und des sozialen Kontaktes nicht durchführen. Eine Ausnahme in positiver Hinsicht macht das Kind lediglich in der Reaktion auf Rasselgeräusch. Da sich das Kind als lebensfähig erwies, wurde es aus Gründen der besseren Pflege eine Operation zugeführt.

Operationsbefund: Die am 20. 10. 1970 ins Knappschaftskrankenhaus Bochum-Langendreer (Chefarzt: Dr. Klug) operativ abgetragene Meningoenzephalocele enthielt in ihrem oberen und unteren Pol insgesamt etwa 250 cm3 Flüssigkeit. In diesen Abschnitten war vorher eine positive Diaphanoskopie möglich gewesen. In den mittleren Abschnitten enthielt die Gele Hirngewebe, das rnakroskopisch den beiden Okzipitallappenpolen des Großhirns entsprach. Der hintere Teil der Falx cerebri schien erkennbar zu sein. Es lagen auch Ventrikelräume frei, die den Hinterhörnern der Seitenventrikel entsprochen haben dürften. Kleinhirn- oder Stammhirnanteile enthielt das Gebilde makroskopisch nicht. Die abgetragene Meningoenzephalocele wog ohne den abgelassenen Liquor noch 280 g.

Es wurden wiederholt Bindegewebskulturen der Haut und Leukozytenkulturen nach den üblichen Methoden angesetzt.

Chromosomenbefund: Insgesamt wurden 115 einwandfrei auswertbare Metaphasen analysiert. Die Ergebnisse sind aus der Tabelle 1 zu entnehmen.


Abb. 1a und b. Das Kind mit Meningoenzephalocele im Alter von 6 Monaten.

Tab.1. Chromosomenbefunde
Chromosomenzahl4445zusammen
analysierte Metaphasen in Leukozyten246993
analysierte Metaphasen in Fibroblasten22022
insgesamt2689115

In den Zellen mit nur 44 Chromosomen fehlt je ein Chromosom der Gruppe D und der Gruppe E. Auch bei der stammlinie mit 45 Chromosomen fehlen diese beiden Chromosomen. Es findet sich jedoch ein Extra, das aus einer Translokation D/ E besteht (Abbildung 2), Durch eine genauere Analyse lach dem Hitze-Denaturierungsverfahren konnte die Diagnose auf eine Translokation eines langen Armes von 18 auf 14 eingeengt werden.

Überraschenderweise ist das Kind trotz seiner schweren Mißbildungen und der starken Chromosomenabweichungen lebensfähig. In diesem Zusammenhang ist wohl von Bedeutung, daß ein Mosaik vorliegt und daß bei der Analyse der Fibroblasten nur ein geringer Teil mit der doppelten Monosomie gefunden wurde.


Abb. 2. Karyotyp mit D/E-Translokation.

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Diskussion

Bei dieser Art der Translokation handelt es sich um eine partielle Monosomie, wie sie erstmalig von Puschel, Schade und Schneller (4) bei einem Kind mit multiplen Mißbildungen mit C/F-Translokationen beschrieben wurde. Da bei einem Teil des Fälle mit Anenzephalie von Kabarity eire doppelte Monosomie vermutet wird (unveröffentlicht), könnte man annehmen, daß es sich bei dem vorliegenden Krankheitsbild um eine Vorstufe zur Anenzephalie handelt, die deswegen lebensfähig ist, weil gleichzeitig das Mosaik reit unvollständiger Monosomie vorhanden ist. Leider kannten die Chromosomenbefunden bei Anenzephalie bisher nicht bestätigt werden.

Eine D/E-Translakation mit 45 Chromosomen wurde von Townes und Ziegler (6) beschrieben. De Grouchy und Mitarbeiter (2) fanden bei dem Vater eines Anencephalus eine Translokation bei Chromosomen der Gruppe D, wobei das eine D außergewöhnlich lang, das andere abnorm kurz war. Zellweger und Mikamo (7) vermuteten eine Translokation 14/18 bei einem stark retardierten Kind mit leichtem Epikanthus, hohem Gaumen, Kryptorchismus und generalisierter Muskelhypertonie. Breibart und Mitarbeiter (1) nahmen ebenfalls eine D/E-Translokation bei einem Jungen mit Krampfanfällen und Mikrozephalie an. Eine familiäre D/ E- Translokation wurde von Migeon und Young (3) be-schrieben. Bei einem Kind mit nicht balancierter Translokation fanden sich Mikrozephalie, Spitzbogengaumen, Nackenfalte, Vierfingerfurche, Klinodaktylie und bei der Obduktion eine Agenesie des hinteren Anteils des Corpus callosum und der peripheren Riechbahnen. In den erwähnten Fällen aus der Literatur ist von Interesse, das auch bei den dort beschriebenen D/E-Translokationen Mikrozephallen beobachtet wurden.


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Literatur

(1) Breibart, S., D. J. Mellmann, W. R. Eberlein: A 13-15/18 chromosome Iranslokation. J. Pediat. 63 (1963), 712.

(2) De Grouchy, I., H. E. Brissaud, G. Reporché, M. Lamy: Anencephalie familiale et translocation de deux chromosomes 13-15. C. R. Acad. Sci. (Paris) 259 (1964), 691.

(3) Migeon, B., W. J. Young: Reciprocal (D, E) translocation. emploid transmission in three generations. Bull. Johns Hopk. Hosp. 115 (1964), 379.

(4) Püschel, E., H. Schade, L. Schneller: Multiple Mißbildungen bei heterozygoter Translokation mit 45 Chromosomen. Med. Welt (Stuttg.) 16 N. F. (1965), 67.

(5) Schade, H.: Hautleisten und auto-somale Aberrationen. In: Hirsch, W. (ed.): Hautleisten und Krankheiten, II. Kolloquium (Berlin 1970).

(6) Townes, P. L., N. A. Ziegler: D/E (13-15/17-18) Translocation. Occurrence in an infam with 45 chromosomes. Amer. J. Dis. Child. 110 (1965), 686.

(7) Zellweger, H., K. Mikamo: Autosomal cytogenetics. Helv. paediat. Acta 16 (1961), 670.