Wann beginnt das Leben des Menschen?

J. Lejeune

Eine Dokumentation : Großveranstaltung am 16. Mai 1980 im Essener Saalbau


Sommaire


Bevor ich nach Essen kam, las ich ein Zitat von Donoso Cortez:

"Es gibt in der Schöpfung nur ein einziges Wesen, das den Scharfsinn der Kontemplativen und die Bosheit der Schlauen in sich vereinigt: den Scharfsinn der Kontemplativen, weil auch es weiß, daß Gott existiert, und die Bosheit der Schlauen, weil es, wie diese, gegen ihn kämpft. Dieses Wesen das ist der Teufel."

Als ich diese Reflexion von Cortez las, schien sie mir, angewandt auf das heutige Europa, verteufelt richtig. Anscheinend weiß der Satan sehr wohl, daß nur die ins Himmelreich eingehen, die den Kindern gleichen. Und wahrscheinlich ist das der Grund, warum er sich auf die Kinder, und ganz besonders auf die Kinder Europas, stürzt. Ihnen zu Hilfe zu eilen, ist nicht eine Frage der Moral, sondern eine Frage von Leben und Tod. Ein Volk, das seine Kinder tötet, tötet seine Seele. Sogar die Statistiker sind gezwungen, das anzuerkennen.

Kann man unbeachtet lassen, daß die Bundesrepublik Deutschland jährlich 200 000 Bürger verliert? Die Neokonformisten, die Modehumanisten, nennen das den Preis des Überflusses, und damit rücken sie in die Nähe Napoleons, der eines Tages zu sagen wagte: "Ich habe 100 000 Menschen als Kapital zur Verfügung (de rente)". Von allen Sätzen, die er ausgesprochen hat, ist dies vielleicht derjenige, der am meisten schaudern macht.

Doch sind unsere Neohumanisten noch schlimmer als Napoleon. Sie sprechen nicht einmal mehr von ihrem Nutzungswert (de rente). Es ist das einzige Kapital Europas, das sie zerstören, ihr eigenes Fleisch und Blut, ihre eigene Seele, ihre Kinder.

Wie ist es nur möglich, daß ein solches Fieber einen ganzen Kontinent ergreift? Ich meine, das ist nur durch einen Irrtum möglich, durch einen absoluten Irrtum. Der ist so enorm, daß man ihn schließlich gar nicht bemerkt. Unsere Neokonformisten geben vor, der Mensch sei von der Gesellschaft gemacht, sie sei es, die ihm seine Intelligenz gibt. Folglich habe sie das Recht, durch ihre Gesetze über ihn zu verfügen. Sie glauben und behaupten, die Intelligenz, diese fürstliche Eigenschaft des Menschen, sei nur die Frucht einer sozialen Aktivität. Von daher erwachse ihnen das selbstverständliche Recht, diejenigen abzulehnen, die die Intelligenz noch nicht manifestieren: die Kinder im Mutterleib, oder auch jene, die sie niemals manifestieren werden, die Pechvögel der Vererbung, die Ungeliebten, die Mißgestalteten, oder auch solche, die die Intelligenz fast nicht mehr manifestieren, die Greise, die vor ihrem Ende von der Schwäche Erdrückten. Und diese Kolporteure des Todes rufen gleichzeitig die Mörder der Morgenröte wie der Abenddämmerung hervor. In Namen der Intelligenz vernichten sie diejenigen, die sie besitzen oder besessen haben. Dank ihrer stupiden "Intelligenz", wie, vermute ich, Codez gesagt hätte, haben sie sich durch den Schwachsinn der Schlauen gegen die Menschenkinder verbündet, oder vielleicht besser gesagt gegen den Menschensohn.

Dennoch - alles wissen, das sich seit Tausenden von Jahren angesammelt hat - lehrt uns das Gegenteil ihrer Ausgangshypothese. Die menschliche Intelligenz und alle Wissenschaft sind nicht Produkte der Gesellschaft oder der Zivilisation, nicht einmal der Evolution im automatischen Sinn des Wortes: Die Intelligenz der Menschen existiert, weil sie so geschaffen worden ist. Und weil sie ihnen ganz umsonst gegeben ist.

Ich möchte versuchen, Ihnen das zu zeigen und wähle dazu das abstrakte und am wenigsten diskutierte Beispiel der menschlichen Intelligenz, das Gebiet der Mathematik, genauer gesagt der Geometrie.

In allen Handbüchern wird berichten - und wir haben keinen Grund daran zu zweifeln -, daß die Geometrie eines Tages an den Ufern des Nils unter dem Himmel Ägyptens geboren wurde. Man sagt uns, daß die Fellachen die Metrik erfunden haben, um ihr Land zu vermessen. Das ist schließlich nicht ganz unwahrscheinlich, wenn man bedenkt, daß sich, bevor man den riesigen Damm von Assuan gebaut hat, alljährlich eine Überschwemmung über die Nilebene ergossen hat, die nach dem Rückgang des Wassers eine vollständige Ebene zurückließ. was war dann natürlicher, als einige Pyramiden dorthin zu setzen? Auf diese Weise, so sagt man, ist die Geometrie zu den Menschen gekommen.

Erlauben Sie mir aber, daß ich das bezweifle, und daß ich Ihnen die Geschichte anders erzähle. Nicht daß ich Ihnen versichern könnte, es habe sich so zugetragen, wie ich es Ihnen sagen werde, aber, wie Edmond About bemerkte, die wahrsten Geschichten sind nicht immer die, die sich ereignet haben! Hier ist also die wahrste Geschichte:

Liebende, wie Sie vielleicht schon bemerkt haben, verbringen viele Stunden damit, sich in die Augen zu schauen - Stunden, die immer noch zu kurz sind. Und dies ist so wahr, daß alle Sprachen der Welt diese kleine runde Öffnung, durch die wir die Welt betrachten - die Pupille - auf dieselbe weise benennen. Ob auf deutsch, französisch, englisch, alles kommt vom lateinischen pupilla, was kleines Mädchen heißt. Die Griechen sagen Choré, was ebenfalls kleines Mädchen heißt. Die Spanier sagen: la nina del ojo, das kleine Mädchen des Auges. Die Araber sagen: Insam el Ein, was heißen soll: kleines menschliches Wesen im Auge. Die Iraner sagen: Mardomak, was dasselbe bedeutet. Die Singalesen sagen: Ahé Baba, das ist das gleiche. Und vietnamesisch sagt man: Ngoi', auch dasselbe; ebenso im Japanischen: Hito-Mi, Mädchen im Auge.

Es ist kein Zufall, daß es eine solche Gleichheit in allen menschlichen Sprachen gibt. Der Grund dafür ist sehr einfach: Aus der Nähe sehen Sie auf dem konvexen Spiegel des Auges ein ganz kleines Bild, das Ihr eigenes Bild ist. Es ist umso glänzender, je dunkler der Grund der Pupille ist. Die Liebe sieht ein Kind in dem Auge des geliebten Menschen.

Ich wäre nicht überrascht, wenn diese interessante optische Eigentümlichkeit der sphärischen Oberfläche zuallererst von den Frauen entdeckt worden wäre, denn alle oder fast alle Sprachen sagen: "Das kleine Mädchen des Auges." (Nicht: der kleine Knabe!)

Doch bleiben wir bei der Entdeckung der Geometrie. Hierfür müssen wir ein Postulat setzen. Eines Tages fängt ein Liebender an, erfüllt mit mathematischem Geist, zu kontemplieren. Das kommt vor; das hat sich vielleicht wirklich unter dem ägyptischen Himmel abgespielt (ich habe keinen Grund, den Scharfsinn der alten Ägypter anzuzweifeln). Und während er dieses Auge, dessen Pupille sich unter dem hellen Licht der Sonne Ägyptens verkleinerte, betrachtet, bemerkte er auf einmal, daß er sich der vollkommensten Oberfläche der Welt gegenüber befand, der einzigen, die die Eigentümlichkeit der geometrischen Ebene darstellt. Tatsächlich ist das Auge aus der Kreuzung von zwei Kugeln gebildet: einer Kugel mit einem kleinen Radius - das ist die Hornhaut - und einer Kugel mit einem viel größeren Radius, dem Augapfel. Die Kreuzung dieser beiden Kugeln ist ein Kreis. Und die Iris, dieses Diaphragma von verschiedenen Farben, ist aus kleinen Fasern zusammengesetzt. Diese sind einerseits auf diesem Kreis verankert und werden gegeneinander durch einen runden Muskel zusammengezogen, der es möglich macht, die Pupille zu öffnen und zu schließen. So entdeckt unser verliebter Geometer eine gespannte Oberfläche, die so auf einem Kreis verankert ist, daß sich jeder Punkt ihrer Fasern in der kleinstmöglichen Entfernung zu den anderen Punkten befindet.

Es gibt keine andere Definition des Kreises und keine andere der Ebene, denn in den modernsten mathematischen Wissenschaften beschreibt man jetzt die Ebene durch die Vektorrechnung. Dabei entdeckt man wieder, was ein Liebender - Euklid - in einem Augenblick herausfand. Das könnte viele Schüler trösten, wenn man ihnen die Wahrheit sagte.

Nach dieser höchst wichtigen Entdeckung sind wir durch dieses Fenster, durch das das Licht zu uns kommt, bis zu dem dunklen Zentrum, das sieht, vorgedrungen. Das ist jene Region des Gehirns, die wir die calcarine Zone nennen. Und es mag außerordentlich schwer zu glauben sein, steht aber außer aller Diskussion: Wenn wir diesen Weg von der äußeren Welt bis zum sehenden Zentrum geduldig verfolgen, stoßen wir in der Anordnung auf alle Etappen der Entwicklung der mathematischen Wissenschaften.

Einige tausend Jahre hat es gedauert, bis Descartes, der gezweifelt hat, schlagartig verstand, wie die Netzhaut gemacht ist. Sie wissen, daß die cartesianische Revolution darin besteht, die Geometrie durch Koordinaten zu erklären, nämlich durch Geraden, die sich in gewisser Weise auf einem Schachbrett kreuzen, um die Position jedes Punktes durch das Feld eines Schachbrettes zu definieren. Nun, Sie können sich die Offenbarung Descartes selbst durch Erfahrung vermitteln. Drücken Sie an einem Abend oder Morgen in einem halbdunklen Zimmer, wenn Sie busgeruht sind, leicht mit zwei Fingern auf ihre geschlossenen Augenlider und wechseln Sie den Druck langsam. Dann werden Sie in einem bestimmten Augenblick plötzlich sehen, daß Ihr gesamtes Gesichtsfeld von einer Quadrierung aus winzigen purpurroten Vierecken erfüllt ist, die - die einen glänzend, die anderen dunkel ganz exakt das Schachbrett der cartesianischen Koordinaten darstellen, die in der Netzhaut eingeschrieben sind, lange bevor ein zweifelnder Mathematiker sich die Augen rieb, um festzustellen, ob er recht gesehen hatte.

Jetzt wissen wir mehr. Seit Descartes sind wir über die Netzhaut hinausgegangen, und während wir uns in die Nervenzentren vertieften, fanden wir die Stelle wieder, an der sich die Sehnerven kreuzen. Man entdeckt, was man im modernen Jargon eine Bijektion nennt. Fahren wir noch weiter fort.

Wenn man zu diesem blinden Zentrum kommt, das die Randfläche ist, mit der wir betrachten, findet man Projektionen, und wenn man die Art und Weise untersucht, wie diese außerordentliche Maschine zur Analyse des Bildes konstruiert ist, findet man Ringe, Musterbilder, gefaserte Zwischenräume, Matritzen, und ganz genau das Ganze der Teile, die die modernen Algebraisten geduldig entdecken, und die zu allen Zeiten existiert haben ganz einfach darauf wartend, daß die Menschen die Art und Weise ihres Konstruiertseins gewahr würden.

Man hätte die ganze neurologische Maschinerie als Beispiel nehmen können, die es der menschlichen Intelligenz ermöglicht, sich zu manifestieren, um zu verstehen, daß sie ganz und gar gegeben und nicht erworben ist, daß sie wirklich vererblich ist im Sinne einer Weitergabe von Generation zu Generation.

Als ich von dem dunklen Zentrum, das sieht, sprach, so war das nicht, um zwei Worte auf für Sie schockierende Weise zu verbinden. Man weiß, daß wir nicht mit den Augen sehen, sondern mit den Augen des Geistes, die sich merkwürdigerweise am Hinterkopf befinden. Es ist jetzt nämlich möglich, dort sehr feine Elektroden anzusetzen und elektrische Impulse hinzusenden, die den Punkten eines Bildes entsprechen, das nach einem System des Fernsehens funktioniert. könnte es einem Blinden möglich werden zu sehen, zu sehen wie wir sehen, Punkt für Punkt, weniger gut zergliedert, aber doch auf die gleiche Art und Weise.

Dies führt dahin, einen Eindruck zu gewinnen von der außerordentlichen Kompliziertheit dieser "Maschine", mit der wir begabt sind und die uns gegeben ist. Ich möchte ganz einfach sagen aus Gnade. Sicherlich kann man versuchen, die Wirkungen der menschlichen Intelligenz darin zu sehen, was sie hervorbringt: das Betrachten von Säulen eines Tempels oder der Schönheit einer Statue belehrt uns vielleicht ebensosehr über die menschliche Intelligenz wie irgendeine andere menschliche Tätigkeit. Aber trotzdem glaube ich, daß man sich selbst besser in einem Spiegel sieht. Und der Spiegel, den wir erfunden haben, der, den wir jetzt besitzen, ist der Spiegel der Maschinen, die fähig sind, gewisse Funktionen der Intelligenz zu simulieren.

Wie Sie wissen, ist es ein gewisser Blaise Pascal, der die erste Rechenmaschine erfunden hat. Er war genial genug, um zu bemerken, daß das, was man zu diesem Zeitpunkt für die höchste Funktion des Geistes hielt, nämlich das arithmetische Kalkül, eine maschinelle Sache war, die durch Räder und Leisten simuliert werden kann.

Heutzutage sind die Rechenmaschinen - vielleicht haben einige unter Ihnen eine tragbare in ihrer Tasche - viel kleiner und viel mächtiger als die Maschine Pascals, und anscheinend funktionieren sie nicht nach dem gleichen Prinzip. Pascal hat sich gesagt: Weil man zehn Einheiten zählen müsse, um eine neue Einheit höherer Ordnung zu erreichen, genüge es, Räder mit zehn Zähnen zu haben, die am Ende einer ganzen Tour mit einem Zahn das folgende Rad mitziehen. Dies ermöglichte die vier Rechenarten. Die modernen Maschinen gleichen viel mehr der menschlichen Intelligenz als diese einfache arithmetische Maschine. Sie gleichen ihr, weil wir uns gesagt haben, daß es Gesetze gibt, auf die ein System antworten muß, damit es gewisse Funktionen der Intelligenz simulieren kann. Merkwürdigerweise sind die Gesetze nicht zahlreich. Das erste ist, daß ein logisches, vorgegebenes Netz existieren muß - man möchte in der Sprache der Computer sagen, ein "eingraviertes" Netz. Das zweite Gesetz ist, daß man eine absolut klare Transmission der Signale von einem Ort zum andern haben muß. Sagen wir ganz einfach: ohne Gußnaht, ohne Kurzschluß. Und das dritte ist, daß man an jeder stelle, an jeder Gabelung des Stromes eine Antwort haben muß: Ja oder Nein. Es muß eine Tür da sein, die passieren läßt oder nicht. Merkwürdigerweise findet man in dieser Logik, die man heutzutage in den Schulen lehrt, das, was Alfred de Musset so gut gesagt hat: "Eine Tür muß entweder offen oder geschlossen sein". Und die Logik ist da. Auf höherer Ebene findet man - ich meine, das ist ein großer Trost -, daß der Rat des Evangeliums unerläßlich ist für den guten Gang des Geistes, nämlich: "Ja, ja - nein, nein".

Es ist nicht möglich, eine Maschine zu konstruieren, die gewisse Funktionen der Intelligenz simuliert und von Zeit. zu Zeit antwortet: "Vielleicht ja - vielleicht nein". Und das ist nicht überraschend, denn wenn die Logik, wie ich glaube, das Gegenteil des Zufalls ist, das heißt ein Mittel, eine Art von System, das Zufälle ausschaltet, dann ist es unerläßlich, daß jeder ihrer Schritte absolut frei und sicher ist. "Ja, ja - nein, nein" ist das einzige Mittel, dahin zu gelangen. Es ist gut, daß selbst die Konstrukteure der Computer das jetzt entdeckt haben.

Immerhin erhebt die Komplexität des Gehirns eines schlichten Menschen ihn bei weitem über die außerordentlichste Maschine, die man erfunden hat. Sie ist beruhigend - solange wir uns mit Maschinen vergleichen und zugleich ein wenig beeindruckend, wenn wir uns plötzlich Rechenschaft geben über das Außerordentliche, das uns geschenkt worden ist. Unser Gehirn enthält etwa 11 000 Milliarden Nervenzellen, die ganz großen Computer aber nur einige Millionen.

Aber das ist ein ungerechter Vergleich, denn in Wirklichkeit ist jede Nervenzelle imstande, Kontakte mit einer wechselnden Anzahl von anderen Zellen minimal 100 und maximal 10 000 - auszutauschen. Anders ausgedrückt: Jede Nervenzelle ist für sich selbst, in sich selbst eine kleine, schon viel mächtigere Rechenmaschine als die, die wir im Handel kaufen, was zu einer absolut astronomischen Ziffer anwächst, zum Äquivalent der Bestandteile unseres Gehirns etwa wie 1014. Das ist eine Zahl, die sich in keiner Sprache ausdrücken läßt. was die Kabelverbindungen und die Fäden und das Netz betrifft, die die verschiedenen 11 000 Milliarden von Neuronen unter sich verbinden, so ist sie von einer äußerst beeindruckenden Länge: Wenn man die Kabelverbindung aus einem menschlichen Gehirn herauslöste und diese außerordentlich gespannten Fäden aneinanderreihen würde, wäre die Länge ungefähr von uns bis zum Mond und zurück!

Und das Alleraußerordentlichste, was gänzlich außerhalb der Konzeptionen liegt, die wir im Sinne einer klaren Realisation dessen, wovon wir sprechen, haben können, ist dies: alle Spezifizierungen dieser außerordentlichen Maschine sind in einer winzigen Zelle enthalten, in einem befruchteten Ei - und zwar nicht nur ihre Konstruktionspläne, sondern auch die Pläne, die die Konstruktionspläne erst konstruieren werden! Die ganze Information, die notwendig und ausreichend ist, um den Menschen zu "fabrizieren" - nicht nur mit seinen Armen, Peinen und mit seinem Kopf, sondern auch mit dieser außerordentlichen "Maschine", die selber das Universum analysieren wird all dieses hat sehr bequem auf der Spitze einer Nadel Platz. Es genügt, wenn die "Maschine" von der Befruchtung an festsitzt und man ihr die Mittel zum Überleben gibt, damit sie ihr Ziel erreicht. Lassen Sie sie leben, sie wird denken - das ist das Schicksal des Menschen!

Die Neokonformisten, die nicht ganz realisieren, wovon sie sprechen, ähneln ziemlich den Computern oder den Politikern. Beide gleichen sich auf merkwürdige Weise, die einen der Maschine, die anderen dem Maschinenwesen. Sie sind von ihrer Fähigkeit zu analysieren völlig eingeschränkt auf das Programm, von dem sie kommandiert werden. Sie setzen alles aufs Gedächtnis, verstehen aber wenig und vor allem - verzeihen nichts. Die Maschinen sind jedoch vom Menschen gemacht, so ist es nicht überraschend, daß wir in den wunderbarsten unter ihnen eine Art Spiegel vorfinden von der Art und Weise, wie wir gebildet sind. Deshalb erscheint uns manchmal ihre Macht so furchterregend. Doch die Menschen selbst sind genau das Gegenteil sie sind ganz und gar eine Inkarnation der Intelligenz, und deshalb ist jeder von ihnen so kostbar.

Sie werden sich sagen: "Das sind Reflexionen eines Spezialisten, eines Neurologen, eines Genetikers. Wie kann man sie weitergeben, wie kann man sie denen verständlich machen, die mit der jetzigen Entwicklung der Technik und der Wissenschaft nicht vertraut sind?".

Nun, ich glaube, man kann das sehr gut. Man kann es auf dreierlei Weise. Die eine ist.

das wissenschaftliche Vorgehen, das jedermann verstehen kann; die andere ist

das künstlerische Vorgehen, das nicht jeder versteht, das aber jeder fühlen kann. Die dritte ist

die religiöse Offenbarung, die uns zugleich fühlen und verstehen läßt und die ganz und gar über uns hinausgeht.

Kommen wir zuerst zur Wissenschaft. Ich habe Ihnen gesagt, darf in der ersten Zelle, die nach dem Eindringen der Samenzelle in die Eizelle entsteht, also aus dem Verschmelzen der von der Mutter stammenden Hälfte der Erbmasse mit der anderen Hälfte, die vom Vater stammt, alle Instruktionen, die einen Menschen ausmachen, vorhanden sind. Aber das ist nicht so, damit ganz allgemein ein Mensch entsteht, sondern damit dieser Mensch entsteht, der, den wir später Peter, Paul oder Magdalena nennen - genau dieser und kein anderer. Das ist möglich, weil die Transmission des Lebens die genaueste „Sprache" verwendet, die es gibt. Alle Charakteristika, die gänzlich alle und jede Eigenschaft einer Person definieren werden, sind einem sehr langen Molekül der Desoxyribonuclein-Säure (DSN) eingeprägt, das, wenn Sie wollen, auch wenn die Proportionen hier unendlich klein sind, dem Magnetband eines Magnetophons gleicht. Und ebenso wie das Magnetophon Ihnen die ganze Symphonie wiedergeben wird, die unter Code-Form durch winzige Veränderung der örtlichen Magnetisierung auf dem Band eingeschrieben ist, ebenso wird die Zelle, die diese zahlreichen magnetischen Bänder enthält, die Symphonie des Lebens wiedergeben.

Aber dies ist eine besondere Symphonie, die von unserem Vater und unserer Mutter je nur die Hälfte der elterlichen Erbmasse enthält, und zwar auf eine äußerst komplizierte Weise. Es handelt sich nämlich nicht um eine Spule, sondern wir haben 44 Spulen, und jeder Elternteil gibt uns die eine oder die andere seiner 44 Spulen, was bereits eine Anzahl von astronomischen Kombinationen ausmacht. Wie es möglich ist, daß diese Spulen zerschnitten sind - so wie man eine Filmmontage macht - und ran einen Teil von der einen und einen Teil von der anderen erhält, so zeigt man schließlich auf ganz elementare Weise, daß die Zahl der geometrischen Kombinationen sehr weit, nein, unendlich weit die unaussprechlichen Zahlen der Menge von Menschen, die je auf diesem Planeten existiert haben, übertrifft. Man ist also ganz sicher, daß jeder von ihnen eine einzigartige und absolut unersetzliche Formel besitzt. Sie hat keine Aussicht, in einer Zeit, die in astronomischen Dimensionen vorausgesehen werden kann, sich zu wiederholen.

Wenn man gründlichst über diesen molekularen Determinismus nachforscht, der eine Botschaft durch die Materie weitergibt, bemerkt man, daß die ganze Biologie, die ganze Theorie der molekularen Strukturen sich ganz kurz in einem Satz zusammenfassen läßt, den Sie alle (hier etwas umfor-muliert) kennen: "Im Anfang ist eine Botschaft, diese Botschaft ist im Leben, und diese Botschaft ist das Leben". Es ist merkwürdig zu sehen, daß das am meisten deterministische, das am meisten materialistische Vorgehen des Intellektes (im Sinne der Schritt für Schritt erfolgenden transportierten Information durch die Materie) sich zusammenfassen läßt in eine einfache Para-phrase des Johannesevangeliums. Und das ist nicht überraschend. Denn es ist absolut notwendig, daß es keinen Widerspruch gibt zwischen dem Verifizierbaren, das wir Wissenschaft nennen, und der Wahrheit, die uns offenbar ist.

Dies erscheint sicherlich etwas abstrakt, und die Genetiker können verdächtigt werden, eine Art Logos erfinden zu wollen, der die Materie belebt und verpflichtet, sich in eine Menschennatur zu verwandeln. Doch gerade darum handelt es sich in Wirklichkeit. Und das ist keine Hypothese, es ist eine Beobachtung der Erfahrung.

Allerdings ist es notwendig, daß wir auch unsere Zeitgenossen überzeugen. Und wie können wir das? Was können wir tun, damit sie glauben, daß dieses winzige Wesen, das im Augenblick der Befruchtung kaum einen Millimeter mißt, tatsächlich seine eigene Botschaft empfängt, wirklich ein menschliches, vollkommen einzigartiges Wesen ist - nur mit dem Unterschied, daß es wunderbar jung ist?

Viele behaupten, die Meinung, ein menschliches Wesen existiere in einer derart verkleinerten Form - oder, wie die Mathematiker sagen: "auf seinen einfachsten Ausdruck reduziert" -, sei ein philosophisches Konzept. Man hat zum Beispiel gesagt, die Abtreibung sei (höchstens) nur ein "metaphysisches" (und kein physisches) Verbrechen.

O nein, es handelt sich nicht um ein philosophisches Konzept, es ist im Experiment aufgezeigt. Und wir haben sogar einen Beweis dafür, den jedermann verstehen kann, ohne Bezugnahme auf die codierten Moleküle und auf die ganze genetische Maschinerie.

Sie wissen, daß einem englischen Genetiker namens Edwards vor nicht langer Zeit eine Befruchtung im Glas gelungen ist. Er hat einer Frau eine Eizelle entnommen, hat sie in ein etwas kompliziertes, aber im biologischen Sinne ganz einfaches Milieu gesetzt, hat dazu vom Sperma des Gatten gemischt, und einer Samenzelle ist es gelungen, das Ei zu befruchten. Dieses hat begonnen, sich aktiv in einer winzigen kleinen Flasche zu teilen und wurde dann wieder in den Uterus seiner Mutter gepflanzt. Die Journalisten haben das ausgeschlachtet, haben erklärt, das sei ein "Retortenbaby", was gar nichts besagt. Das Wichtige, was den Massenmedien entgangen zu sein scheint, liegt jedoch in der Tatsache, man hatte endlich und beim Menschen erstmals den formalen und unbestreitbaren Beweis erbracht, daß das Leben eines menschlichen Wesens schon beider Befruchtung beginnt! Denn wenn dieses winzige Ding, dieser kleine Embryo, der sich in Zellen geteilt hat, nicht schon ein menschliches Wesen gewesen wäre, wie hätte dann seine Einpflanzung in den Uterus eine Schwangerschaft und die Geburt eines glücklichen kleinen Mädchens zur Folge haben können?

Weit davon entfernt, diese Erfahrung als eine schreckliche Sache anzusehen, von der wir Katholiken nicht sprechen sollten, sollen wir im Gegenteil bedenken, daß es das erste Mal ist, daß wir in unserer Spezies nicht durch philosophisches Denken, sondern nur durch experimentelle Beobachtung demonstrieren konnten: das menschliche Wesen beginnt - wie alles - mit seinem Anfang.

Aber sicherlich liegt darin auch eine Gefahr. Die Macht, die wir besitzen, das Leben eines Menschleins in der Flasche anzufangen, außerhalb des mütterlichen Schutzes, ist vielleicht eine schreckliche Versuchung. Es ist möglich, daß es im Gewissen der Bevölkerung den Respekt vermindert, den man einem beginnenden Leben schuldet. Das ist die Gefahr. Aber diese Gefahr besteht nicht unter der Bedingung, daß die Wissenschaft niemals das Ganze der Konklusionen vergesse, das sie da unter den Händen hat, nämlich die formelle Gewißheit, daß dieses kleine Wesen bereits ein ganz einzigartiges Glied unserer Art ist und wunderbar jung, jünger als alle anderen.

Die zweite Stufe, die wir benutzen können, ist die der Kunst. Die Künstler wissen darüber mehr als die Gelehrten und gebrauchen nicht nur die Gehirnrinde, diese Logik-Maschinerie, deren Komplexität ich Ihnen zu zeigen versuchte, sondern auch einen anderen Teil unseres Wesens, den man mit einem Gattungsnamen "das Herz" nennt. Lassen wir uns einmal zeigen, was Goethe in seinem Faust" sagen kann. Der erste Teil ist eine "Abtreibung" der Liebe: Faust will seinen Sohn von Margarethe nicht annehmen, Verdammnis ist sein Weg. Der zweite Teil zeigt die "Zerstörung" der Liebe: Faust hat eine modernistisch-materialistische Gesellschaft fabriziert. Es gibt kein Geheimnis Gottes mehr. Nur in einer kleinen Kapelle und in einem kleinen Haus leben still zwei alte Liebende: Philemon und Baucis. Die letzte Tat von Faust ist es, diesen letzten Ausdruck von Liebe zu zerstören. Um einen neuen Kanal zu vergrößern, läßt er - durch Mephisto - Philemon und Baucis in ihrem kleinen Haus töten und verbrennen. Doch jetzt stirbt auch Faust ...

Um zu verstehen, wie wir uns dieses frühere Leben, diese Existenz während der ersten Monate unseres Lebens im Mutterleib, an die wir uns nicht mehr erinnern, vorstellen sollen, können wir aber auch zu den Musikern gehen. Und um Ihner, eine Idee davon zu vermitteln, schlage ich einen kleinen Ausflug vor.

Wir gehen in eine Diskothek, steigen die Treppen hinunter und kommen in einen gewölbten, dunklen, fast schwarzen Schutzraum. Nur rötliche Schimmer erlauben zu unterscheiden, was sich im Innern abspielt. Die Atmosphäre ist heiß, feucht, es herrscht ein starker Geruch, und man sieht Körper, die sich langsam bewegen und sich dann wieder schnell drehen. Es ist ein lauter Lärm, der spie Rhythmus der Maracas, der die Köpfe der Menschen, die hier sind, erzittern läßt, und dann das dumpfe und schwere Schlagen des Kontrabasses, das ihren Brustkasten bei jedem Schlag zum Beben bringt. Und die Leute, die hier in dieser Atmosphäre sind und tanzen, scheinen dies zu lieben. Warum? Weil sie sich an all das erinnern, durch das sie in frühester, dunkler Existenz hindurchgegangen sind, an die der Intellekt keine wache Erinnerung mehr hat. All das aber ist in dieser Atmosphäre, als ob sie es wieder neu erleben möchten, ganz genau dargestellt. Ehemals, als sie ganz klein waren, nicht größer als der Daumen - die Geschichte vom Däumling ist immer wahr -, als sie im Mutterschoß nicht größer waren als der Daumen, da war ja auch ein gewölbter Schutz mit nur wenig rötlichem Licht, auch mit einem starken Geruch, einer feuchten Atmosphäre, wo ihr Körper sich bewegte und ihr Kopf in einem spitzen, schnellen Rhythmus vibrierte, demjenigen ihres eigenen Herzens, das 140 bis 150 mal schlug, dem Rhythmus des Maracas - und so auch ihr Brustkasten sich verengte und erweiterte unter einem anderen, langsameren, stärkeren, mächtigeren Rhythmus, den Schlägen des mütterlichen Herzens, ungefähr 65 in der Minute - das ist der gewöhnliche Rhythmus eines Kontrabasses. Es ist kein Zufall, daß die Spezialisten der Popmusik diese Atmosphäre wieder entdeckt und neu geschaffen haben, die mit etwas korrespondiert, was sie vergessen haben, wovon aber ihr Herz wahrscheinlich eine Erinnerung bewahrt hat.

Und dann bleibt uns noch die höchste Weise, die, die uns der berühmteste aller Ärzte, der heilige Lukas, gelehrt hat. Er hat alles in so wenigen Worten gesagt, daß ich mich schäme bei dem Versuch, sie zu vermehren. Aber ich will es trotzdem versuchen. Bei der Heimsuchung zitierte der kleine Prophet im Schoße der Elisabeth, als er die Gegenwart seines Erlösers wahrnahm, den Maria trug. Zu dieser Zeit war Elisabeth ganz genau sechs Monate schwanger - der heilige Lukas hat dieses Detail wohl vermerkt -, und dieses Zittern des kleinen Propheten ist vielleicht die schönste Beschrei-bung dieser außerordentlichen Intelligenz des menschlichen Fötus.

Aber noch viel merkwürdiger ist, daß die menschliche Gestalt unseres Herrn zu diesem Zeitpunkt außerordentlich jung war. Der heilige Lukas sagt darüber nichts. Er sagt einfach, daß nach der Verkündigung "Maria festinavit" (eilte). Die menschliche Gestalt unseres Erlösers mußte unglaublich jung sein, als sie zum erstenmal von einem kleinen Propheten erkannt wurde. Vielleicht sind wir Erwachsenen nicht so begabt wie ein "kleiner Prophet", aber mit der Wissenschaft können wir die menschliche Gestalt - selbst wenn sie unglaublich jung ist - erkennen. Lukas hat dies in so wenigen Worten erklärt, daß ich nichts hinzufügen kann.

Diese Geschichte, die wahrscheinlich, nein, die sogar sicherlich die schönste und rührendste der Welt ist, lehrt uns - um auf das zurückzukommen, was ich bezüglich der "Maschine" gesagt habe -, daß unsere Neokonfor-misten die andere Seite dieser wunderbaren Gabe, die wir empfangen, wenn wir auf die Welt kommen, vergessen: nämlich, daß unsere Intelligenz nicht nur eine abstrafe Maschine ist, sondern daß sie auch Fleisch geworden ist, und daß das Herz ebensoviel ist wie die Vernunft, oder genauer, daß die Vernunft nichts ist ohne das Herz.